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11.08.2007
Gastkommentar: Die unrealistischen Überlegungen zur CO2-Limitierung
Die deutsche Autoindustrie kann eigentlich zufrieden sein. Dass die
EU-Kommission die Grenzwerte für den CO2-Ausstoß von Neuwagen ab 2012 nicht
generell auf 130 Gramm begrenzen, sondern nach Gewichtsklassen staffeln will,
könnte als Vernunftlösung durchgehen, wenn sie nicht völlig unrealistisch wäre.
Denn wie „PS Automobil Report“ aus Kommissionskreisen erfahren hat, soll der
oberste Grenzwert auch bei schweren Limousinen und Geländewagen immer noch
„deutlich unter 200 Gramm pro Kilometer“ liegen. Die Rede ist sogar von 170
Gramm.
Dieser Wert entspricht einem durchschnittlichen Maximalverbrauch von 7,17
Litern pro 100 Kilometer bei Benzinern und 6,41 Litern bei Dieselmotoren, deren
Kraftstoff bekanntlich eine höhere Dichte und damit einen höheren CO2-Ausstoß
hat.
Es ist schwer vorstellbar, dass es die Hersteller großer Limousinen im
Premiumsegment schaffen (können!), bis 2012 solche Werte zu erreichen. Eine
Mercedes-S-Klasse, ein Audi A8 oder ein BMW Siebener mit kleinen aufgeladenen
Vierzylinder-Motoren mit solchen Werten sind durchaus machbar, aber werden sie
auch zu verkaufen sein? Den seidenweichen Lauf eines Sechs- oder Achtzylinders
wird es nach dieser Formel in Europa dann nicht mehr geben dürfen bzw. geben
können. Wie gesagt: schwer vorstellbar.
Was hat das für Konsequenzen für die Premiumhersteller, die auf den Märkten
der Welt gerade deshalb so begehrt sind, weil sie diesen Fahrkomfort
leistungsfähiger Hightech-Triebwerke bieten? Selbst die angedachten strengen
Verbrauchsvorschriften in den USA lassen da deutlich mehr Spielraum als die
diskutierten 170 g/km in Europa.
Die Ingenieure der deutschen Luxushersteller haben noch nie vor einer
Herausforderung kapituliert, „aber diesmal könnte es unmöglich sein, gesetzliche
Vorschriften in einem derart kurzen Zeitraum zu realisieren“, sagt ein bekannter
Entwicklungschef hinter vorgehaltener Hand.
Sollte die EU-Kommission mit den 170 Gramm als Obergrenze offiziell auf den
Plan treten, wird es einen Aufschrei des Entsetzens geben: bei den Verfechtern
der 130-Gramm-Obergrenze generell für alle Fahrzeuge. Denn ihnen gelten ja sogar
die 130 Gramm als unanständiges Zugeständnis an die Autoindustrie.
Bei diesen Hardcore-Autogegnern verfängt auch nicht die von BMW kommunizierte
Botschaft, dass man im Herbst 2007 bereits bei 40 Prozent der Modellpalette in
Europa unter 140 g/km liege. Das klingt zwar gut, für die Autogegner aber wie
Satire. Sie fragen nicht nur, was mit den restlichen 60 Prozent ist, sie
kritisieren vor allem, dass BMW im Rest der Welt natürlich deutlich darüber
liegt. 400 g/km sind nun mal weit entfernt von 170 g/km. Bei aller vorbildlichen
effizienten Dynamik sind die Autokritiker mit nichts zufrieden, was die
Autoindustrie anbietet. Mit Vernunft und tollen technischen Lösungen kann man
denen nicht kommen. Sie setzen blind auf ihre ideologischen Argumente, die erst
dort enden, wo das Autofahren aufhört.
Der Erfolg bei der EU-Kommission, den CO2-Ausstoß nach Gewichtsklassen zu
regeln, ist also kein Sieg der Vernunft, sondern ein Sieg von Herrn Pyrrhus,
einst König von Epirus. Der sagte mal nach einem Sieg über die Römer – und es
klingt hochaktuell: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren.“ (ar/PS/HU)
Quelle: Entnommen aus der aktuellen Ausgabe des Branchen-Informationsdienstes
PS-Automobilreport, von Hans-U. Wiersch
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