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17.02.2008
Gastkommentar: Riskanter Sparkurs bei BMW
BMW-Chef Norbert Reithofer setzt den Rotstift an. Der ehemals „weiße Rabe“
BMW (Eberhard von Kuenheim) soll zum braven schwarzen Raben werden, der sich
kaum noch von der Finanzphilosophie anderer Unternehmen unterscheidet. Mit der
von Reithofer verordneten Mauser wandelt sich das bayrische Musterunternehmen
innovativer Ausnahmequalität zu einem ganz normalen, auf Rendite ausgerichteten
Autohersteller.
Wo andere Autounternehmen schon vor Jahren das hohe Lied von Sparprogrammen
singen mussten, kommunizierte BMW immer neue Formen der Freude am Fahren. In der
BMW-Welt war das Wort Sparen schlicht nicht existent, obwohl das Geld durchaus
nicht zum Fenster rausgeschmissen worden war und dennoch ordentliche Gewinne
gemacht wurden. Vom Erfolg der Marke vor allem nach der Rover-Ära mal ganz
abgesehen.

BMW Group. Entwicklung der Investitionsquote.
Durchschnittliche Investi-tionsquote 2001-2007: 9,1%. Investitionsquote:
Gesamtinvestition / Umsatz
Die Bayern gingen durchaus vernünftig mit dem Geld um, redeten aber nie von
Sparprogrammen. Warum auch, war es doch schon aus legendären Zeiten unter
Führung Eberhard von Kuenheims auf innovative und permanente Effizienzsteigerung
getrimmt worden, als es das Energiesparprogramm Efficient Dynamics noch nicht zu
kaufen gab.
BMW hatte prozentual bislang immer mehr in die Entwicklung neuer Modelle, in
Forschung und ingeniösen Mehrwert investiert als andere Autohersteller. Die
Abkehr von der Kultur kreativer und finanzieller Freiräume ist vor allem dem
Druck der Analysten und Finanzmärkte geschuldet, die schon lange an der
schwachen Rendite Anstoß genommen haben.
Die neue Richtung ist nicht ohne Risiko. Wenn Reithofer die finanziellen
Zügel anzieht, auch ordnungspolitisch mehr Kontrolle bis in die einzelnen
Abteilungen hinein haben will, hat das natürlich auch bremsende Wirkung. Eine
Geschichte, wie es sie beispielhaft vom 3er Cabrio zu erzählen gibt, wird es
dann nicht mehr geben: Ein paar Ingenieure hatten ohne Wissen des Vorstands
einfach mal ausprobiert, wie der 3er als Cabrio aussehen könnte – und damit ohne
Rücksicht auf Budget-Spielregeln und Controller-Plazet Erfolgsgeschichte
geschrieben. Heute wäre eine solche Undercover-Aktion, die der Marke nicht
geschadet, sondern unbestritten nur genutzt hat, nicht mehr möglich.
Das ist schade. Ob man bei BMW mit dem Rotstift langfristig schwarze Zahlen
schreiben kann, wird sich erst noch zeigen müssen. In spätestens acht Jahren, so
schreibt es das ungeschriebene BMW-Führungskräftegesetz vor, wird Norbert
Reithofer in den Ruhestand gehen (müssen). Das ist in der Autoindustrie kein
langer Zeitraum mehr. Dann wird gerade die zweite Generation des in Detroit
vorgestellten X6 auf die Straße gerollt sein. Also durchaus ein überschaubarer
Zeitraum.
Mag sein, dass das Unternehmen bis dahin goldene Bilanzen abliefert, aber ob
BMW dann noch die starke Marke mit einem ganz besonderen Image ist, wird die
Zukunft zeigen müssen. Denn die für die Renditesteigerung notwendigen Maßnahmen
sind alles andere als Einzahlungen auf das Konto „positive Entwicklung
Markenimage“.
Vom Stellenabbau bis zur Intensivierung von Kooperationen mit anderen Marken,
von der harten Sparvorgabe für jede Abteilung bis zu Sparmaßnahmen beim Einkauf:
Alles Maßnahmen, die nur die Rendite beflügeln, nicht die qualitative und
subjektive Produktsubstanz. Von der Mitarbeitermotivation mal ganz abgesehen.
Denn einem solch harten Richtungsschwenk haftet auch immer ein wenig der Hauch
eines Vorwurfs an, in der Vergangenheit viel oder gar alles falsch gemacht zu
haben. Das ist natürlich nicht der Fall, aber wenn man mit altgedienten
BMW-Führungskräften redet, fühlen sich manche durchaus für ihre erfolgreiche
Arbeit der letzten Jahre kritisiert.
Die prozentualen Kosten für Forschung und Entwicklung vom Umsatz sollen von
6,1 auf rund fünf Prozent gesenkt werden. Für die Bilanz und kurzfristige
Betrachtung bringt das viel, für die langfristige Weiterentwicklung ist das ein
sehr harter Einschnitt. Mit vielen Fragezeichen. Hinter vorgehaltener Hand
kritisieren Mitarbeiter den Kurs. Das Konzept Sparprogramm sei wenig
einfallsreich, heißt es da simpel.
Ob das Argument von Finanzchef Michael Ganal: „Wir konzentrieren uns neben
Kostensenkungen auch darauf, die Zukunft des Unternehmens auf ein solides
Fundament zu stellen“, hilft, die Stimmung zu drehen? Ob sich das bewahrheitet,
wissen wir frühestens in zehn Jahren. Unternehmerische Entscheidungen sind immer
risikobehaftet. Vor allem radikale Kurswechsel.
Quelle: ar, von Hans-U. Wiersch, entnommen aus der aktuellen Ausgabe des
Branchen-Informationsdienstes PS-Automobilreport, 17.02.2008
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