Moin zusammen,
Ich bin seit Jahren stiller Leser hier. Kein einziger Post, aber gefühlt jede zweite Seite dieses Forums gelesen – und dabei sehr viel über den E38 gelernt, welchen ich dann 2018 auf einem Schotterparkplatz bei einem Fähnchenhändler am Niederrhein gefunden und für unverschämt kleines Geld geschossen habe.
Dieses Forum hier hat mir geholfen, sieben Jahre lang meinen 728i geniessen zu können. Vielen Dank!!!
Jetzt ist er weg. Die ganze Geschichte – vom irrationalen Impulskauf über Familienurlaube, Rost, Facebook-Trolls, dem bitteren Abschied und einem lügenden E350CDI – habe ich mal aufgeschrieben. Vielleicht hat ja jemand Spass daran (Obacht: Viel Text)
Meinen Account löschen werde ich hier übrigens nicht. Mein Suchfilter bei den einschlägigen Portalen ist immer noch aktiviert: E38.
Einleitung:
Ich habe 2018 eine alte Oberklasselimousine gekauft. Mit sieben Vorbesitzern. Vom Fähnchenhändler. Mit vielen Kilometern. Auf dem Papier ein Desaster.*Der Kaufpreis? Geringer als das, was der Erstbesitzer damals allein für das Kreuzchen bei "optionale Lederausstattung" auf der Aufpreisliste bezahlt hat.
Es geht um eine*irrationale Schnapsidee, einen treuen Begleiter, ein Familienmitglied auf vier Rädern. Doch jede Geschichte hat ein Ende. Meine hat mit Rost zu tun.
Teil 1:
Ein Faible für alte Autos hatte ich schon immer. In der Realität war mein Fuhrpark zwar eher bescheiden, aber auf dem Papier, in meiner recht umfangreichen Sammlung an Autoliteratur aus den 60ern bis 80er Jahren, da hatte ich sie ALLE. Keine Exoten, keine Supersportwagen – ehrliche Dickschiffe mit sechs Pötten aufwärts. Gerne aus den 70ern oder 80ern. Ja - Autos, bei denen man an der Tankstelle gefragt wird: „Was verbraucht der?“ und man antwortet mit: „Ja.“
September 2018, Besuch bei den Schwiegereltern. Bei Kaffee und Kuchen schreit in meinem Kopf plötzlich irgendwer: „Du musst jetzt Autos googeln! SOFORT!“
Mit einem Vorwand verziehe ich mich in ein anderes Zimmer, starte meine unheimlich wichtige Recherche – und falle in ein Mobile.de-Rabbithole: Die Suche eskaliert völlig: Was kostet eigentlich so ein 70er-Jahre Opel Admiral gerade. Oder ein Diplomat? Vielleicht doch eher ein Senator? Commodore? Nein, vielleicht BMW E23 7er? Hm… W116 oder W126 S-Klasse von Benz fand ich auch immer gut. Audi 200 ist irgendwie total boring. Vielleicht was Exotisches? Fiat 130?
Ich klicke mich durch das Angebot und schnell wird klar: Mein eigentlich nicht vorhandenes Budget würde höchstens für ein bemitleidenswertes Häufchen Elend mit mehr Rost als Restsubstanz reichen. Und meine Schrauber-Skills bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen dem souveränen Befüllen des Kraftsstofftanks und Werkzeugkasten öffnen, was bereits als kritischer Eingriff betrachtet werden kann. Aber was soll’s. Ist ja nur Spaß. Ich will ja gar nichts kaufen.
Ich verliere ein wenig den Fokus und drifte in die 90er. Und lande beim BMW 7er Baureihe E38. Mein erster Chef hatte so einen. Wenn der damit vorgefahren ist, hast du automatisch die Hacken zusammengeknallt. Einmal warf er mir den Schlüssel rüber. Ich sollte das Fahrzeug vom Spiekerhof auf die Neubrückenstraße umparken. Ich - damals gelernter Lenker eines Fiat Panda – jenem asketischen Vehikel, dessen Charme sich vornehmlich aus seiner bestechenden Anspruchslosigkeit speist - sitze also in diesem bayerischen Prunkstück und gleite in einer Welt aus Leder, Edelholz und unzähliger mysteriöser Schalter durch Münsters Innenstadt. Quasi vom Tretroller direkt in die Enterprise. Das prägt!
Also klicke ich mich durch Angebote, die preislich teilweise irgendwo zwischen Kaffeevollautomat und E-Bike liegen. Ein schneller Quercheck in den einschlägigen Foren bestätigt: Es gibt noch Teile zu Preisen, für die ich nicht vorher meine Niere verkaufen muss. Das Thema Rost überlese ich gekonnt. Es klingt alles zu schön, um wahr zu sein.
Und dann steht er da. In Schwarzmetallic mit reichlich Chrom. Noch nicht von irgendeinem Babo schwarzmatt foliert und mit absurder 4-Rohr Auspuffanlage aus dem Baumarkt vergewaltigt. Ein unverfälschtes Exemplar. Und dann diese Ausstattung, Massagesitze, elektrische Heckklappe, TV, Navi, Doppelverglasung - dass war in den 90ern keine Technik, das war pure Science-Fiction. Man las das damals in der Preisliste und dachte, das sei die Beschreibung eines Prototyps für das Jahr 2050. Aber nein, konnte man kaufen. Wenn man nur genug Kohle hatte. Ich deaktiviere bewusst den Teil meines Gehirns, der für Risikobewertung zuständig ist, und rede mir ein: Sieben Vorbesitzer bedeuten, dass schon sieben Leute vor mir den Kauf für eine gute Idee hielten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet ich damit falsch liege, ist also statistisch gesehen zu vernachlässigen. Und 180.000 Kilometer? Nicht mal richtig eingefahren.
Am nächsten Morgen fahre ich voller Vorfreude Richtung Niederrhein. „Nur mal gucken“, predige ich mir selbst. Ich stoppe auf den Schotterplatz eines vertrauenserweckenden Fähnchenhändlers – noch majestätischer steht er da und in mir wächst ein kühner Plan: ich hol dich da raus! Ich umrunde den Wagen, ignoriere dabei großzügig kleinere Unzulänglichkeiten und werfe dem Verkäufer irgendwelche wahllos zusammengewürfelten „Fachfragen“ zu, irgendwas mit „letzter Service“, „Bremskraftverstärker“ und „Wagenheberaufnahme“. Er murmelt nur was von „Ist im Kundenauftrag“, aber dieser kleine, vernünftige Teil meines Gehirns ist eh längst offline. Ich frage nach einer Probefahrt, während ich maximal fachmännisch gegen den Vorderreifen trete, um meine unanfechtbare Kompetenz in Sachen Gebrauchtwagenkauf zu unterstreichen. Er gibt mir den Schlüssel, ich gleite los und fühle mich wieder wie vor knapp 25 Jahren, als mein altes Fiat-Panda-Ich zum ersten Mal erfuhr, wie sich die Chefetage auf Rädern anfühlt. Am Ende der Probefahrt halte ich am nächsten Geldautomaten und hole die Kapitulations-Summe in bar. Zurück beim Händler, sage ich: ‚Ja, ich will.‘, handle noch ein paar symbolische Euros runter, damit es sich wie ein Geschäft anfühlt und schiebe ihm dann noch meinen alten, treuen, aber völlig durchgenudelten 5er Kombi für eine unanständige Summe unter.*Und so werde ich für eine Summe, die damals nicht einmal den Aufpreis für die Lederausstattung gedeckt hätte, zum stolzen Besitzer einer Oberklasselimo, für die der Erstbesitzer einst 130.000 DM berappen musste.
Nun muss noch ein Kennzeichen her. Der Kaufzeitpunkt ist taktisch unklug. Am nächsten Morgen soll ich einen neuen Job in Marburg antreten, gleichzeitig noch von Düsseldorf nach Köln umziehen – und ich habe kein angemeldetes Auto mehr. Bahn fahren? Flixbus? NIEMALS. Also ab zum Strassenverkehrsamt, die Schlange dort: episch, gefühlte drei Tage Wartezeit. Die Dame am Info-Schalter will mir lediglich ein Kurzzeitkennzeichen geben. Aber nach meinem maximal verzweifelten Blick wird aus der Beamtin ein Mensch. Sie sagt: „Wissen sie was? Ich melde ihnen den Wagen an. Wollen sie ein Wunschkennzeichen?“ Eigentlich egal - nur die 666 muss drin sein, nachdem ich gerade eine zutiefst unvernünftige, fast schon diabolische Entscheidung getroffen hatte.
Als ich dann am Abend meiner Frau über meinen genialen Schachzug informiere, ist ihre Stimmung erst ... sagen wir, frostig – durchaus berechtigt - als hätte ich gerade unser gesamtes Erspartes gegen drei magische Bohnen eingetauscht. Aber dann, als sie den Wagen sieht, bin ich kein Idiot mehr, sondern ein Mann mit Geschmack. Puh!
Und was soll ich sagen? Manchmal können sich die dümmsten Entscheidungen als die besten herausstellen. Am Anfang bin ich damit jede Woche die Strecke Köln-Marburg gependelt. Hat er einfach so weggesteckt. Und selbst wenn man mit 120km/h gemütlich die linke Spur in Beschlag nimmt - die potenziellen Drängler halten Abstand. Ein wahres Respektsmobil.
Dann kamen die wirklich wichtigen Kilometer. Der erste Urlaub mit unserem ersten Kind. Später mit dem zweiten. Der Wagen wurde zum Familienbomber. Und ständig wirst du angesprochen. Im In- und Ausland. Auf Supermarktparkplätzen, an der Tanke. Da kommen völlig fremde Leute jeden Alters und Geschlecht und sagen: „Toller Wagen. Einer der schönsten Limousinen die je gebaut wurde.“ Da sonnt man sich schon ein bisschen im Glanz des Wagens.
Insgesamt knapp 140.000 Kilometer hat er mit uns klaglos abgerissen.Reparaturen gabs außer den üblichen Verschleißteilen und regelmäßigen Ölwechseln so gut wie keine. Insgesamt war der Wagen sogar erstaunlich günstig im Unterhalt. Naja – zugegeben - alle Türen wurden rostbedingt einmal runderneuert, der Wagen teilweise neu lackiert. Womit wir auch schon beim Grund für diesen Nachruf wären: dem Rost.
Wir haben jetzt 2025 - das verflixte siebte Jahr. Und wie das mit dem siebten Jahr so ist, fängt es an zu kriseln. Mein Plan war ja die halbe Million Kilometer vollzumachen. Aber dann kam er wieder - und diesmal hat er sich nicht die Türen vorgenommen, sondern den Innenschweller. Den tauscht man nicht mal eben. Also steht er jetzt. Stillgelegt.
Und jetzt? Benz Kombi. Riesengroß, Sechszylinder-Diesel, viel Dampf und das Drehmoment reicht, um den Kölner Dom ein paar Meter weiter nach links zu ziehen. Und einen Kofferraum wie eine Einzimmerwohnung. *Der Benz, das ist wie Business-Class fliegen. Beinfreiheit, schnell, du kommst entspannt an. Absolut top. Aber der 7er? Das ist nicht Business-Class. Das ist der eigene Privat-Jet. Mit Ledersesseln und Minibar!
Das Verrückte ist: Eigentlich ist es ja nur ein Haufen altes Blech mit einem eklatanten Rostproblem. Ein unpraktischer, aus der Zeit gefallener Klotz. Aber - man mag es kaum glauben - die ganze Familie hängt daran. Das ist der Wagen, mit dem es in den ersten Familienurlaub ans Meer ging. Das ist das Auto, in dem die Kinder auf dem Rücksitz eingeschlafen sind.
Und jetzt steht er da. Und wartet. Vielleicht auf einen Karosseriebauer mit magischen Händen und einem sehr kleinen Stundensatz. Vielleicht auf einen anderen Verrückten, der die Geschichte zu Ende schreiben will. Ich weiß es noch nicht.
Teil 2:
Da steht er nun also immer noch - mein geliebter BMW. Halbwegs wettergeschützt in einem Carport im tiefen Münsterland, während das Jahr 2025 unerbittlich voranschreitet. Und er wartet. Auf ein Wunder, auf den Rosttod – oder schlicht auf eine Entscheidung meinerseits.
Doch Entscheidungen brauchen Input. Also suche ich Hilfe und kippe mein Leid in die einschlägigen E38-Facebook-Gruppen, in der naiven Hoffnung auf Solidarität unter Art- und Leidensgenossen. Doch statt virtueller Taschentücher oder konstruktiver Tipps öffnet sich die digitale Güllegrube. Die Kommentare reichen von sarkastischem Mitleid bis zu offener Feindseligkeit: „Haha, Rost am E38? Eilmeldung: Wasser ist nass! Hast du das nicht gewusst, du Lauch?“ „Wer so ein Kulturgut als Daily Driver auch im Winter bewegt, gehört eigentlich enteignet. Geschieht dir recht!“ „Mein 740er steht seit 2018 in einer klimatisierten Halle und wird nur bei Vollmond gestreichelt. Deiner sieht aus wie Blätterteig, du Doof!“ Thanks for nothing! Es sind Kommentare von Leuten, deren Profilbild grundsätzlich ihr eigener Wagen ist. Die Fraktion, die aus einer eleganten Oberklasse-Limousine eine rollende Kirmesbude macht. Wahre Tuning-Verbrechen, begangen von Typen, deren kulturelles Highlight des Wochenendes darin besteht, an der*örtlichen Aral-Tanke rumzucoolen! Das kompetente 7er-Forum meide ich daraufhin direkt präventiv. Mein Bedarf an digitalen Maulschellen ist gedeckt.
Und die analogen Profis? Die echten Karosseriebauer abklappern? Den Gang spare ich mir – das würde keine heldenhafte Rettungsmission, sondern eine teure Demütigungstour. In meinem Kopfkino spielt sich das exakt so ab: Der erste Meister würde einen Blick auf den Wagen werfen und mich dann so anschauen, als hätte ich ihm gerade ein Puzzlespiel aus 10.000 Teilen verrostetem Blech ohne Vorlage auf den Tisch gekippt. Der zweite würde mir wahrscheinlich einen Preis nennen, bei dem ein Oligarch nervös an seinem Kaviar ersticken würde. Der dritte würde Weihwasser holen und in fremden Zungen die Sterbesakramente murmeln. Bleibt in meinem Film die letzte Hoffnung: Die Hinterhofbuden. Ich sehe förmlich vor mir, wie sich dort der Chef die Kippe, deren Asche so lang ist, dass sie ein eigenes statisches Gutachten bräuchte, im Mundwinkel zurechtrückt und mit revalgeschwängerter Stimme väterlich säuselt: „Für 'ne Kiste Bier und das Versprechen, dass wir uns nie gesehen haben, löte ich dir in den Eimer so viel Baustahl rein, dass der TÜV-Prüfer vor Ehrfurcht erblindet.“ Während er schon mit einem Schweißgerät ansetzt, das vermutlich schon beim Bau der Bismarck für die groben Nähte zuständig war.
Jetzt wird sich der geneigte Leser fragen: Warum kämpft er nicht? Warum lässt er das Schicksal über das schönste Blech der 90er entscheiden, statt selbst zum Retter zu werden?
Also, warum kämpfe ich nicht? Warum gehe ich für meine große Liebe, dieses Meisterwerk bayerischer Ingenieurskunst, nicht durchs Feuer? Ganz einfach: Weil uns der Geschichtsunterricht ja nun wirklich eindrücklich gelehrt hat, dass ein Zweifrontenkrieg – noch dazu unter Beteiligung deutschen Geräts – selten eine brillante Strategie ist. Denn während der 7er im Carport im Münsterland vor sich hin oxidiert, bahnt sich an der anderen Front – in einer Tiefgarage im heimischen Köln – bereits das nächste Desaster an.
Es betrifft den Benz-Kombi. Jenes vermeintliche Vernunftauto, das ich als soliden Alltagsersatz erworben hatte. Er steht nun in besagter Tiefgarage. Rostfrei, technisch angeblich top, frisch generalüberholt – zumindest, wenn man dem Aktenordner voller Rechnungen vieler Vorbesitzer in hoher fünfstelliger Höhe glauben darf. Ja, richtig gelesen: vieler Vorbesitzer. Eigentlich ein Warnsignal. Aber ich bin mir und meinem unerschütterlichen Optimismus treu geblieben und habe meine bewährte 7er-Kauf-Strategie einfach recycelt: Statistische Sicherheit durch Masse. Ich lerne es einfach nicht. DENN: Der Sternträger hat ein schmutziges Geheimnis. „198.000 Kilometer“ stand in der Anzeige. „198.000 Kilometer“ stand auf dem Tacho. Offenbar ein kreatives Kunstwerk. In Wahrheit hat der Gute eher so um die 380.000 bis 400.000 auf dem Buckel. Eingesammelt habe ich dieses Überraschungsei in Kfz-Form im schönen Nachbarland Holland. Und mein Gehirn muss sich wohl wieder im Notlaufprogramm befunden haben. Denn ich habe mir beim Vorfahren tatsächlich eingebildet, auf dem Firmenschild stünde so etwas Seriöses wie „Autohuis Van der Vroom“. Ein fataler Lesefehler. Denn tatsächlich stand da – gut lesbar für jeden, der nicht gerade völlig verblödet ist – schlicht und ergreifend: „Niet kopen – loopen!“
Und das Bitterste, das absolut Demütigendste an der Geschichte: Meine Frau war beim Kauf dabei. Sie hatte den Braten sofort gerochen. Sie hat gewarnt. In einer Frequenz, die das Gehirn eines selbsternannten Gebrauchtwagen-Profis im Kaufrausch aber gekonnt wegfiltert – wie ein eingebauter Hochpassfilter für unangenehme Wahrheiten. Sich heute eingestehen zu müssen, dass ihre weibliche Intuition (oder nennen wir es einfach: gesunder Menschenverstand) präziser war als meine eingebildete Fachkompetenz, verursacht fast körperliche Schmerzen. Sie hatte recht.
Wie auch immer, plötzlich stehe ich also da mit zwei Baustellen: Einem verrosteten 7er, an dem das ganze Herz hängt. Und daneben ein Benz, der technisch abliefert, rennt wie Sau und lädt wie ein Frachter – dessen Tachostand man allerdings nicht als Messwert, sondern eher als künstlerische Freiheit eines Vorbesitzers interpretieren muss. Zwei Autos, zwei Probleme, null Lösungen. Und die Erkenntnis: Zwei Großbaustellen sind genau eine zu viel.
Nun muss eine Entscheidung her. Aber ist das hier wirklich der klassische Kampf „Kopf gegen Bauch“? Die „Bauch-Entscheidung“ wäre klar: Den 7er retten. Aus Liebe, aus Nostalgie. Aber ist der Benz wirklich die „Kopf-Entscheidung“? Ist es „vernünftig“, einen Wagen zu behalten, dessen Historie absurder scheint als die E-Mail eines nigerianischen Prinzen, der dir 20 Millionen Dollar Erbe verspricht? Ich blättere nochmal durch den dicken Aktenordner des Benz. Und genau hier liegt die Antwort. Sie erzählen eine beruhigende Geschichte. Die teuren, berüchtigten Wehwehchen dieser Baureihe, die einen normalerweise in den Ruin treiben, sind alle erledigt. Abgehakt. Bezahlt von den Vorbesitzern. Ein kurzer Markt-Check liefert zudem eine weitere dringend benötigte Beruhigungspille: Selbst für Fahrzeuge, die ihre ähnlich astronomische Laufleistung EHRLICH angeben, werden in den Portalen Preise aufgerufen, die meiner gezahlten Summe verdächtig nahekommen. Betriebswirtschaftlich betrachtet habe ich also einen Schnapper gemacht: Ich habe für mein Geld deutlich mehr Kilometer bekommen als bestellt. Das nenn ich mal „Value for Money“. So einfach geht das, wenn man sich die Welt professionell schönrechnet.
Das Urteil ist also gefallen: Der 7er muss weg. Schnief!*Aber bitte würdevoll. Kein Schlachten, er soll ein neues Zuhause finden, nicht als Organspender enden. Also rein in die Portale: Kleinanzeigen, Mobile. Schöne Bilder bei bestem Licht, und dazu ein langer, ehrlicher Text. ALLE bekannten Mängel kommen auf den Tisch. Schweller, kleine Macken, der Rost, die kleinen toten Pixel im Bordcomputer. Nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern in der naiven Hoffnung, dass maximale Transparenz auch maximalen Frieden vor dummen Rückfragen bedeutet.
Falsch gedacht. Ein Tsunami aus Anfragen prasselt auf mich ein. Für manche ist die Anzeige offensichtlich nur ein Bilderbuch: „Hat der Mängel?“ Andere Nachrichten sind orthografisch so abenteuerlich, dass ich kurz überlege, ob es sich um verschlüsselte Botschaften ausländischer Geheimdienste handelt. „Interresiert, wahs kostet letztem Preis?“ Wieder andere wollen nur klugscheißern: „Der Schweller is doch gar nich so schlimm, hab ich bei meinem E34 auch gehabt, einfach reichlich Bauschaum, Silikon und ne Handvoll Sägespäne rein, TÜV sagt ja.“ Danke für den Tipp, MacGyver! Und dann die Ersatzteil-Geier. Einer will nur die Fond-Leseleuchten mit Ambientebeleuchtung – diese scheinbar raren Dinger, die in der Szene mittlerweile für Beträge gehandelt werden, für die man anderswo einen fahrbereiten Kleinwagen bekommt.
Ich finde mich daher innerlich bereits mit dem „Scheitern“ des Verkaufs ab. Oder besser gesagt: Ich freunde mich damit an. In meinem Kopf reift bereits eine tollkühne Vision, wie ich dem Wagen irgendwann, in ferner Zukunft, dann doch selbst zu seinem zweiten Frühling verhelfen werde. Ich lege mir sogar eine unumstößliche Argumentationskette für meine Frau zurecht: „Das ist kein Zufall, das ist Schicksal! Der 7er wehrt sich gegen den Verkauf, er spürt das. Er gehört zur Familie. Ihn jetzt wegzugeben, wäre, als würden wir die Omma ins Heim stecken, obwohl sie nur eine neue Hüfte braucht, aber sonst noch topfit ist.“
Doch genau in diesem Moment dieser durchaus wohligen Resignation: Pling. Unverhofft eine Nachricht aus dem hohen Norden Deutschlands. Ich öffne sie und traue meinen Augen kaum: Ganze Sätze. Subjekt, Prädikat, Objekt. Die Rechtschreibung: einwandfrei. Der Ton: höflich, detailliert nachfragend. Das komplette Programm! Er versteht den Wagen. Er sucht keine Concours-Schönheit fürs Museum, sondern einen ehrlichen „Daily Driver“, den er wieder flott machen will. Wir telefonieren. Er macht ein faires Angebot. Und vor allem: Der 7er darf am Stück weiterleben.
Und dann ist er da. Der Tag des Abschieds. Der Himmel über dem Münsterland hängt passend dazu tief und grau. Ich hole den 7er ein letztes Mal aus dem Carport. Eine finale Abschiedsrunde. Der Reihensechser säuselt sein beruhigendes Lied, die Automatik schaltet butterweich, das Fahrwerk schwebt über den Asphalt. Als wollte er es mir extra schwer machen. Zurück in der Einfahrt parke ich ihn hinter den Benz. Da stehen sie nun ein letztes Mal, Schnauze an Heck. Der ehrliche, aber etwas verlebte Bayer und der durchsanierte Hochstapler aus Stuttgart. Ein Bild wie ein Mahnmal meiner automobilen Selbstzerstörung.
Pünktlich erscheint der potenzielle neue Besitzer auf dem Hof. Und während ich bei Kfz-Besichtigungen in der Vergangenheit meist nur bedeutungsvoll gegen die Reifen getreten und wahllos aufgeschnappte Fachbegriffe in den Raum geworfen habe, um Kompetenz zu simulieren, checkt er den Wagen absolut souverän durch. Er stellt dabei Fragen von einer solchen Präzision, dass ich sie mir geistig sofort notiere – als Spickzettel für meinen nächsten Kauf, damit ich nicht wieder auf die Nase falle. Doch als es an die Probefahrt gehen soll, fängt die Automatik plötzlich an zu zicken. Ein hartes Einlegen der Fahrstufe, ein bockiges Ruckeln. Vorführeffekt? Von wegen. Wohl eher der letzte, verzweifelte Widerstand. Der 7er spürt, was los ist, und krallt sich mit jedem Zahnrad an die Hofeinfahrt fest – als wolle er mir sagen: „Ich gehe hier nicht weg!“ Doch dann bekriegt er sich, kooperiert und die Probefahrt kann schließlich doch losgehen. Der Käufer bleibt ruhig. Er lobt den Rest, erkennt das Potenzial und dann folgt der unvermeidliche Teil: die Nachverhandlung. Aber es ist kein würdeloses Feilschen wie auf dem Basar. Wir einigen uns auf eine Summe, die fair ist – auch wenn kein Geldbündel der Welt dick genug wäre, um als Wundbalsam für diesen Abschied zu taugen. Doch die Realität tröstet mich: Ich bekomme tatsächlich mehr, als ich vor sieben Jahren bezahlt habe. Ein seltener Sieg über den Wertverlust und ein ausgestreckter Mittelfinger an die „Was letzte Preis“-Fraktion.
Dann rollt der Wagen vom Hof. Der Käufer winkt noch einmal freundlich aus dem Fenster. Dass er beiläufig erwähnt hat, bereits den Vorgänger – einen E32 – im Familienbesitz zu haben, hat ihn endgültig geadelt. Er weiß, worauf er sich einlässt. Ich stehe in der Einfahrt und fühle mich wahrscheinlich wie ein Brautvater am Altar, der seine anspruchsvolle Tochter endlich unter die Haube gebracht hat. Ich übergebe sie vertrauensvoll in die Hände dieses Vorzeige-Kandidaten: Er ist gekämmt, geduscht, geimpft – was will man als Vater eigentlich mehr? Ab heute finanziert er ihren luxuriösen Lebenswandel. Ich bin raus aus der Unterhaltspflicht.
Ich lasse mich in die Sitze meines lügenden Benz-Kombis fallen, drehe den Schlüssel und der V6-Diesel rödelt pflichtbewusst los. Business Class ist ja auch nicht schlecht. Man kommt an, man hat Platz, man sitzt bequem. Aber seien wir ehrlich: Wenn man einmal Privatjet geflogen ist, wirkt alles andere eben nur noch wie ein routinierter Linienflug. Eines ist jedoch sicher: Der E38 ist nicht tot. Er hat nur eine neue Adresse. Und wer weiß – vielleicht schreibt der neue Besitzer ja irgendwann die Fortsetzung dieser Geschichte. Oder am Ende doch wieder ich? Denn kaum zurück in Köln, liege ich auf dem Sofa, schnappe mir mein MacBook und bevor ich es merke, hat der Zeigefinger bereits eine folgenschwere Eigendynamik entwickelt. Ein unbedachter Klick und die Suchagenten bei Mobile und Kleinanzeigen: scharfgeschaltet. Filter: E38. Ups!
Ach ja, TL;DR:- Spontan BMW 7er (E38) beim Fähnchenhändler gekauft
- Mit vielen Kilometern
- 7 Vorbesitzer
- Kaufpreis: Weniger als damals der Aufpreis für die Lederausstattung
- Simmung der Ehefrau beim Heimkommen: Permafrost
- Zustand dann doch viel besser als befürchtet
- 140.000 km komplett klaglos in 7 Jahren
- Dann kam der Rost – aber so richtig. Game Over?
- Plan: E38 retten, Benz Kombi als „Vernunft Ersatz“ zur "Überbrückung"
- Hilfe gesucht in E38-Facebook-Gruppe. Digitale Maulschellen erhalten
- Dann: Zweifrontenkrieg
- Denn: Verkaufsanzeige Benz Anzeige: 198.000 km. Tacho: 198.000 km. Realität: eher 380.000 – und dann noch der rostige Bayer
- Ehefrau war beim Kauf dabei, Ehefrau hat gewarnt = weibliche Intuition > eingebildete Fachkompetenz
- Historische Erkenntnis: Zweifrontenkrieg unter Beteiligung deutschen Geräts selten eine brillante Strategie
- Entscheidung: Der 7er muss gehen. Schnief
- Verkaufsanzeige geschaltet. Reaktionen: orthografisch abenteuerlich, inhaltlich erschütternd
- „Interresiert, wahs kostet letztem Preis?" – Verschlüsselte Botschaft ausländischer Geheimdienste. Vermutlich
- Dann: Ein Käufer aus dem Norden. Ganze Sätze. Korrekte Rechtschreibung. Höflich.
- E38 würdevoll übergeben. Nicht verschrottet, nicht zerteilt – adoptiert
- Verkaufspreis: Mehr als der Kaufpreis. Ausgestreckter Mittelfinger an die „Was letztem Preis"-Fraktion
- Benz läuft tadellos. Für das Geld mehr Kilometer bekommen als bestellt. Value for Money oder Selbstverarschung? Antwort kennt meine Frau
- Kaum zurück aufs Sofa: Suchagent auf Mobile.de reaktiviert. Filter: E38
- Lernkurve: flach